Mein Leben

Mein Weg in die Politik – und nach Europa: In meiner Heimatstadt Halle in Westfalen bin ich über das Engagement für mehr und bessere Radwege in die Politik gekommen. Gemeinsam mit Freunden habe ich in unserer Stadt eine lokale Juso-AG gegründet, eine Zeitlang eine Kindergruppe des BUND geleitet und in der Schule eine Öko-AG. Das ist lange her. 1996 bin ich ins Rheinland gegangen, wo ich in Köln ein anspruchsvolles, zweisprachiges Studium des Deutschen und Französischen Rechts in einem binationalen Studiengang absolviert habe, das mich für ganze zwei Jahre nach Paris führte, genauer gesagt an die Universität Paris 1 (Panthéon-Sorbonne) mitten im fünften Arrondissement, dem berühmten „Quartier Latin“. Damals noch eine Besonderheit – ich gehöre dem 7. Jahrgang des Programms an – so ist es heute fast eine europäische Selbstverständlichkeit, einen deutschen und einen französischen Studienabschluss in einem integrierten Programm zu kombinieren. Das macht mich froh. Die europäische Einigung ist etwas ganz Besonderes. Die Europäische Union als gemeinsamer Raum nicht nur für Wirtschaftsunternehmen, sondern vor allem für ihre Bürgerinnen und Bürger macht Europa zu einem einzigartigen politischen und sozialen Projekt, das Nationalismen und antiquierte Vorstellungen von Staatlichkeit überwinden und ein gutes Leben für viele Menschen unterschiedlicher Herkunft und Staatsbürgerschaft organisieren kann. Weltweit ist Europa ein Kontinent der Hoffnung, ein ‚land of hope‘ – und es liegt an uns, unsere Rolle in der Welt selbstbewusst und zugleich weltoffen und human auszufüllen. Ich habe den rechtlichen Möglichkeiten, den Freizügigkeiten, welche die Europäische Union ihren Bürgerinnen und Bürgern bietet, in meinem Leben sehr viel zu verdanken. Ich erhoffe mir die weitere Vertiefung der Europäischen Union und bekenne mich ganz ausdrücklich zu der wunderbaren Idee ‚Europa‘.

Vor dem französischen Studienabschluss, einer sogenannten Maîtrise mit einem Schwerpunkt im internationalen Wirtschaftsrecht, hatte ich als 16jährige bereits die Gelegenheit, im Rahmen eines Austauschschuljahres unter dem Dach des Deutschen Youth For Understanding Komitees ein Jahr in Gastfamilien in England, erst in Yorkshire, dann in Dorset zu verbringen. Dieses Jahr hat mich sehr geprägt. Ich habe nicht etwa ein teures und elitäres englisches Internat, sondern lokale Gesamtschulen besucht und diese Erfahrungen als riesige Bereicherung erlebt. Die südenglische Schule, an der ich sogar die A-Level-Prüfungen, die englische Hochschulreife, ablegen durfte, hatte nichts, aber auch gar nichts mit der gegenwärtigen Gesinnung der „Brexiteers“ gemein. Ich habe eine sehr offene und internationale Schule mit vielfältigen Austauschbeziehungen zu Partnerschulen in vielen Teilen der Welt in Erinnerung. Eine nicht zu unterschätzende Anekdote aus meinem Leben stammt aus dieser Zeit: Ich habe es der französischen Sprachassistentin in England mit ihren 1:1-Unterrichtseinheiten zu verdanken, dass ich später den Französisch-Leistungskurs besuchen, in Frankreich studieren und in Luxemburg arbeiten und promovieren konnte. Das England, das ich kennengelernt habe, ist ein europäisches. Umso mehr betrübt mich nun der Brexit.

Mein Weg in die Wissenschaft – und zurück nach Westfalen: Nach dem Studium der Rechtswissenschaft habe ich dann in Köln ein Zweitstudium der Philosophie und Geschichte als „Magistra Artium“ (M.A.) abgeschlossen und nach einer ersten Stelle an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung die Möglichkeit erhalten, an der neu gegründeten Universität Luxemburg eine Stelle als wissenschaftliche Assistentin im Institut für Philosophie wahrzunehmen und zu promovieren. In meiner Doktorarbeit, die unter dem Titel „Verantwortung für unabsichtliches Handeln. Rechtsphilosophische und handlungstheoretische Grundlagen der Fahrlässigkeit“ 2016 im Nomos-Verlag in Baden-Baden erschienen ist, bringe ich meine unterschiedlichen Studienerfahrungen und fachlichen Kompetenzen in der Rechtswissenschaft und der Moralphilosophie zusammen und untersuche – ganz grob gesagt –, unter welchen Bedingungen und warum wir nicht nur für unser vorsätzliches Handeln verantwortlich gemacht werden können, sondern auch für unbeabsichtigte, mitunter gar unbemerkt hervorgebrachte Schäden. Das mag zunächst einmal ganz einfach klingen, wenn wir aber überlegen, welche Spielarten von Fahrlässigkeit denn beispielsweise strafbar sein sollten, so entpuppt sich dies als eine gar nicht triviale Frage.

Katja Stoppenbrink Sommer

Meine Doktorarbeit habe ich im Rahmen einer Doppelbetreuungsvereinbarung mit der Universität Münster geschrieben – und dort arbeite ich auch seither. Zunächst war ich in einer interdisziplinären Forschergruppe im Bereich der Medizinethik tätig (DFG-Kollegforschergruppe 1209 „Theoretische Grundfragen der Normenbegründung in Medizinethik und Biopolitik“). Seit 2018 unterrichte ich als Vertreterin einer Professur Studierende im Fach Philosophie. Aktuell schreibe ich ein Buch über Anerkennung und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und forsche u. a. zu ethischen Fragen künstlicher Intelligenz in Arbeitswelt und Medizin und digitaler Teilhabe von Verbraucherinnen und Verbrauchern – übrigens in Zusammenarbeit mit der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Diese Themen will ich auch im Bundestag stark vertreten. Als Erstunterzeichnerin der Initiative „Scientists For Future“ liegt mir zudem der Klimaschutz als zentrale Zukunftsherausforderung sehr am Herzen.

Lokal leben und global denken – kein Widerspruch: Privat hat es mich von Luxemburg wieder zurück ins Rheinland gezogen. Mit meinem Mann, der ein gebürtiger Bonner ist, teile ich die Liebe zum Siebengebirge. Wir finden es großartig, hier am Fuße des Kleinen Oelbergs zu leben. Und wenn mich nicht gerade eine Pandemie ins Homeoffice zwingt, lässt es sich mit einer BahnCard 100 zwischen Königswinter und Münster sehr gut pendeln. Ich unterstütze vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen die Ausbaupläne für schnelle Bahnverbindungen und wünsche mir, dass viele Menschen die Bahn als echte Alternative zu Auto und Flugzeug wahrnehmen und nutzen – übrigens nicht nur im innerdeutschen Fernverkehr, sondern perspektivisch auch innerhalb Europas.

Ich war seinerzeit eine der ersten, die begeistert den Eurostar nach England genommen hat, und selbstverständlich ist mir auch der Thalys zwischen Köln und Paris aus Studienzeiten in bester Erinnerung. In dem Europa, das ich mir wünsche und das wir in Teilen auch schon verwirklicht haben, lässt es sich im ländlichen Frankreich leben und in Luxemburg arbeiten, bringt uns ein Schnellzug morgens nach Amsterdam oder Brüssel und abends zurück nach Alfter oder Bornheim. Vom Konferenzvortrag in Berlin noch am selben Tag per Bahn zum Karnevalsverein nach Bad Honnef – das sollte kein Widerspruch sein. Auch wenn wir global denken und arbeiten, so leben wir doch lokal. Das hat uns nicht zuletzt die Pandemie gerade deutlich vor Augen geführt. Wir können zugleich weltoffen und heimatverbunden sein. Die Aufspaltung in „Anywheres und Somewheres“ (David Goodhart 2017), die manche für den aktuellen Rechtspopulismus verantwortlich machen, hat sich überlebt, wenn sie denn je etwas erklärt hat.

Ich bin überzeugte Europäerin und zugleich ein echtes Landkind: Aufgewachsen in einem Dorf mitten im Teutoburger Wald habe ich von klein auf die Vor- und Nachteile ländlichen Lebens mitbekommen. Ich weiß, wie man Schafe hütet und Kühe treibt. Aber ich kenne auch die Nöte von Landwirtinnen und Landwirten, die nicht wissen, wie es mit ihrem Hof weitergeht, was die nächste Generation machen wird und ob sich die Umstellung auf ökologischen Landbau lohnen wird. Ich möchte dazu beitragen, dass mehr und mehr Landwirt:innen diese Frage für sich mit einem klaren „Ja“ beantworten können. Ich weiß auch, was es heißt, keinen öffentlichen Nahverkehr, keinen Facharzt und keinen Einkaufsladen mehr in Reichweite zu haben. Die Versorgung und „Anbindung“ ländlicher Räume liegt mir daher sehr am Herzen. Der Schlüssel zu neuer Attraktivität unserer Dörfer und abgelegeneren Orte ist die Ausstattung mit schnellen Internetverbindungen, die – das sollte selbstverständlich sein – heutzutage auch in jeden Kuhstall gehören. Geradezu explodierende Immobilienpreise schließen heute weite Teile der Gesellschaft vom Erwerb von Wohneigentum aus. ‚Wohnen‘ ist für sehr viele Menschen zum riesigen monatlichen Kostenfaktor geworden. ‚Wohnen‘ ist die neue soziale Frage in unserem Land. In dieser Lage sind wir darauf angewiesen, unsere Dörfer wiederzubeleben, Ortskerne zu renovieren, Altbauten wieder attraktiv zu machen. Auch unter Klimaschutzgesichtspunkten müssen wir beim Thema Bauen und Wohnen umdenken. Ich möchte, dass wir beginnen, beides zusammenzudenken: Gutes Leben beginnt vor Ort. Lokal. Digital. Klimaneutral.